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  • Christian Olbrich

Empörend!


Gerade hat im Supermarkt jemand direkt vor mir die letzten fünf Packungen Klopapier gekauft. Alle fünf! Wie herrlich es sein kann, sich über etwas so richtig zu empören, die eigene Entrüstung wirklich auszuleben. Gerade in Corona-Krisenzeiten gibt es allerlei Anlässe, das Verhalten unserer Mitmenschen als egoistisch, verantwortungslos, übertrieben oder paranoid zu kritisieren. Aber weshalb empfinden wir es als so angenehm, uns zu empören, sodass wir es immer wieder tun? Hat Empörung nicht im Kern etwas Destruktives? Ich fange mal bei mir selbst an - eine Reflexion...


Mit der Bitte um Bestätigung Es kommt hin und wieder vor, dass mir der Mund offen stehen bleibt, weil in meiner Mitwelt etwas passiert, das völlig an meinem Verständnis von Miteinander, meinen Wertevorstellungen oder gar dem Gesetz vorbeigeht. Dann suche ich rasch jemanden, dem ich meine Empörung mitteilen kann. Ich suche eine Person aus Fleisch und Blut, denn ich nutze weder Facebook noch Twitter. Von dieser Person erwarte ich dann gefälligst Zustimmung. Häufig trifft es meine Frau. Sie hört oft schon gar nicht mehr richtig zu, besonders wenn es im Alltag um unbekannte Dritte geht. Dann ärgere ich mich einen Augenblick über meine Frau, was emotional noch intensiver ist, als die Empörung. Ärger und Empörung verfliegen dann allerdings oft sehr schnell. Erhalte ich jedoch die gewünschte Zustimmung, heizt das meine Empörung noch an. Der Grad der Empörung steigt im Ping-Pong der wechselseitigen Bestätigungen, erreicht nach kurzer Zeit einen Höhepunkt, um dann wieder zu fallen und auf einem moderaten Niveau zu verharren. Falls jetzt kein frischer Input den Austausch befeuert, ist das Thema rasch vergessen.


Action!

Hin und wieder stellt sich die Frage, ob der Verursacher zur Rede gestellt werden kann. Empörend agierende amerikanische Präsidenten, schweizer Nahrungsmittelkonzerne oder deutsche Landwirtschaftsministerinnen sind für mich verständlicherweise nicht immer greifbar. Ganz anders sieht das bei Lehrern meines Sohns, Fahrern falsch parkender SUVs und schreiender Teenager in der U-Bahn aus, die durchaus ansprechbar sind und spätestens im Wiederholungsfall damit rechnen müssen, zur Rede gestellt zu werden. In diesen Fällen lohnt es sich, durch einen inneren Dialog den Empörungsgrad nicht zu sehr absinken zu lassen, damit zu gegebenem Zeitpunkt eine hinreichend entrüstete Ansprache gelingt.


Oje, Olbrich…

Hm, echt jetzt? Ist das dein Ernst, Mediator und Klarnehmungs-Coach Christian Olbrich? Das Krasse ist, nüchtern betrachtet nicht. Solang die Empörung aktiv ist, bin ich aber fast wie im Rausch. Was geht da in mir vor sich? Ich hätte ganz unfachmännisch gesagt, da eskalieren Emotionen. Das liegt im Bereich der Neurowissenschaften, da muss ich mal recherchieren... Doch ganz so leicht ist es nicht. Dem Begriff Emotionen werden sehr vielfältige Ausprägungen unterstellt (www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/emotionen/3405). Nach den Erkenntnissen von manchem Wissenschaftler spielen sich Emotionen hauptsächlich im Kopf ab, ähnlich wie bei Gefühlen, bei anderen spielen körperliche Aspekte eine wesentliche Rolle, wie beim Affekt. Immerhin scheint es einen breiteren Konsens darüber zu geben, dass es kulturübergreifende menschlichen Grundemotionen gibt, die keiner kognitiven Verarbeitung bedürfen. Nur wie viele das sind, darüber gehen die Meinungen auseinander, fünf, sechs oder gar sieben? Nach Paul Ekman sind es Überraschung, Glück, Zorn, Furcht, Ekel, Traurigkeit, während William McDougall hat bereits 1908 Furcht, Ekel, Staunen, Zorn, positives Selbstgefühl, negatives Selbstgefühl und Fürsorglichkeit benannte. Es gibt noch einige weitere Modelle, allesamt auf wissenschaftlichen Studien basierend aber keines benennt Empörung.


Wissenschaftlich betrachtet

Doch was war das mit Emotionen und Affekt? Ich suche gezielter.Ich finde das sekundäre oder kognitiv-affektive Emotionssystem, das auf der Verknüpfung primärer Emotionen mit spezifischen gelernten Informationen beruht. Vermutlich komme ich hier der Empörung auf die Spur. Tatsächlich finde ich in einem Artikel von Prof. Dr. Rainer Sachse vom Institut für psychologische Psychotherapie (IPP, Bochum) zum kognitiv-affektiven Verarbeitungssystem den Begriff der "Schemata", die emotionale Abläufe auslösen und steuern. „Die Aktivierung von Schemata erfolgt durch vorhandene oder vorgestellte Situationen automatisch und kann von der Person nicht direkt willentlich herbeigeführt werden. […] Sobald ein Schema aktiviert ist, dominiert es in hohem Maße die Informationsverarbeitung und führt zu einer Art von voreingenommener Verarbeitung“ (Rainer Sachse, www.ipp-bochum.de/n-kop/schemata-und-relevanz.pdf). Weiter stellt Sachse dar, „dass problematische Schemata in der Regel kognitive und affektive Anteile aufweisen.“ In diesen Beschreibungen finde ich mich auf der Suche nach einer Erhellung meiner Empörung wieder. Sachse empfiehlt, „diese relevanten Schemata zu identifizieren, […] der Person bewusst und verständlich zu machen, sie therapeutisch zu hemmen und durch konstruktive, alternative Schemata zu ersetzen.“ Dann therapiere ich mich doch mal selbst.


Schema zerlegt

Was konkret in mir abgehen könnte, zeigt ein Blick auf die Schema-Ebenen:

Auf Ebene 1 verdichten sich Erfahrungen, kommen Annahmen zur eigenen Person hoch: Andere übergehen meine Bedürfnisse, ich bin klein und machtlos, mit mir kann man es ja machen, ich bin schwach, alle beeinträchtigen mich. Diese Erfahrungen können noch weitgehend kognitiv sein, also willkürlich gesteuert durch das somatische Nervensystem.

Auf Ebene 2 werden Konsequenz-Annahmen konstruiert: Wenn ich klein und machtlos bin, trauen sich die anderen, meine Bedürfnisse zu übergehen, dann fühlen sie sich dazu gar animiert, und dann ist es klar, dass sie mich beeinträchtigen. Es kann zu ganzen Serien von Annahmen kommen (Wenn…, dann…, dann…). In diesem Zusammenhang kommt es in mir vermutlich bereits zu nicht kognitive bestimmten Affekten und Emotionen.

Auf Ebene 3 wird die Konsequenz-Annahme bewertet. Dies geschieht im Gehirn im Motivationssystem, das festlegt, ob eine Konsequenz „schlimm“, „katastrophal“, „unerträglich“, vielleicht sogar „empörend“ ist. Und hier geht es nun gar nicht mehr kognitiv zu, sondern hochgradig affektiv und emotional und vom autonomen Nervensystem bestimmt.

Ich bin also gefangen in meinem Schema, das vermutlich so lange affektiv und emotional bleibt, bis das Motivationssystem im Gehirn keinen Nachschub an Konsequenz-Annahmen bekommt. Versiegen die Reize, ebbt die Empörung ab, bestätigen jedoch Dialoge mit anderen oder meine eigene Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt die Konsequenz-Annahmen, bleibt das Empörungsempfinden aktiv.


Theorie und Praxis Klingt alles ganz nüchtern und analytisch, bekommt aber eine gewisse Note, wenn ich mir vorstelle, wie ich – gefangen in meinem Schema – ins Handeln komme. Ich könnte den „Verursacher“ zur Rede zu stellen und wenig später peinlich berührt von meinem eigenen Auftritt sein. Auch könnte es pikant werden, wenn mein Ansinnen nach Bestätigung meiner Empörung bei jemandem erfolgreich war und ich bei dieser Person Erwartungen geweckt habe, entsprechend zu handeln und den „Übeltäter“ zur Rede zu stellen. Dann wäre es doppelt peinlich. Peinlich vor der anderen Person, der ich wenig später erklären müsste, dass ich doch nur gefangen in meinem Schema war und alles nur im Affekt geschah und bestimmt peinlich vor mir selbst, dem Mediator und Klarnehmungs-Coach. Gut, dass ich mein Schema, wenn es mal wieder anläuft, meist ganz für mich allein habe und Angesprochene, wie meine Frau, nicht in der gewünschten Form reagieren.


Hab mich lieb! Find mich toll!

Bleibt die Frage, warum die Gedanken der Empörung so gut tun. Während eines Beitrags des bekannten Neurowissenschaftlers Prof. Dr. Gerald Hüther im Rahmen des Lebenskunst-Kongress‘ der Integralis Akademie im März 2020 kommt mir eine Idee. Es ist die Überwindung der Bedeutungslosigkeit, die mich antreibt. Manche streben nach exzellenten Studienabschlüssen, um Anerkennung zu erhalten, andere pöbeln auf der Straße Passanten an – der Hintergrund ist vergleichbar: Seht her, hier bin ich! Wenngleich die jeweilige Sozialisierung unterschiedliche Muster beziehungsweise Schemata hervorbringt, so wirbt sie doch in ihren jeweiligen Resonanzgruppen mit außergewöhnlichem Handeln um Anerkennung.


Ich coache mich selbst Mir fällt dazu das Coaching-Modell Kernquadrat von Daniel Ofman ein. Es geht davon aus, dass wir einen uns wichtigen Wert („Kernqualität“) derart übertreiben, dass wir im Kontakt mit anderen Menschen in eine potenziell konfliktbehaftete „Falle“ laufen. Meine Kernqualität könnte ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden sein, das mich hin und wieder übers Ziel hinausschießen lässt. Damit verknüpft ist mein Affekt-„Schema“, meine individuelle Falle. Im Coaching eingesetzt, lässt der Coach den Klienten nach der Identifizierung seiner besonderen Kernqualität und der Entlarvung der Übertreibung nach der„Herausforderung“ forschen. Sie stellt das positive Gegenüber, den Gegenpol der Falle dar. Das könnten bei mir Gelassenheit oder Gleichmut sein, um ausgleichend und vermittelnd zu wirken oder einfach nachsichtig zu sein. Doch auch hiervon gibt es eine Übertreibung: die „Allergie“. Das wären in meinem Fall vielleicht Dickhäutigkeit und Selbstgefälligkeit. Die Allergie ist nach diesem Coaching-Modell die Wahrnehmung, die uns selbst bei anderen so auf die Palme bringt, dass wir unsere Kernqualität übertreiben und in die Falle geraten. Ein wirkungsvolles Modell, das hilft, mit Bewusstheit über das was passiert, eigene Schemata zu erkennen und zu überwinden. Ich nehme mir vor, mich meinem Schema bewusst zu widmen. Es ist zwar entlarvend, hilft jedoch, sich selbst besser kennenzulernen und bewusster mit sich und aneren umzugehen.

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