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  • Christian Olbrich

Geschätzter Widersacher


Schnell sind Urteile über Personen getroffen. Doch beginnen wir, uns für ihre Geschichte zu interessieren, können aus Widersachern interessante Persönlichkeiten und Quellen der Inspiration werden .


Aus der Perspektive des Kontrahenten

Aus der Rolle des Mediators kenne ich den unschätzbaren Wert eines gelungenen Perspektivwechsels für die Konfliktparteien. Jüngst konnte ich einen Perspektivwechsel bei mir selbst sehr bewusst erleben. Danke für die interessanten Erkenntnisse!


Mein personifiziertes Anti-Ich

Bei einigen Netzwerktreffen, die ich öfters besuche, beobachte ich eine Schar treuer, wiederkehrender Besucher. So wie ich selbst. Also traf ich in schöner Regelmäßigkeit auf eine Person, die ich nach wenigen Begegnungen als mein Anti-Ich beschrieben hätte. Diese Person nenne ich in diesem Beitrag Konstantin. Ich registrierte ein Auftreten und eine Kommunikationskultur bei Konstantin, die ich in der Runde der Teilnehmer ziemlich einzigartig empfand; einzigartig rechthaberisch, selbstzentriert, provokant, fast schon feindselig und in meiner Wahrnehmung völlig unangemessen für ein solches Treffen. Erstaunt registrierte ich, dass andere Teilnehmer damit umgehen konnten oder es anders erlebten. Ich hatte mein Feindbild also für mich allein.


Was geht in mir vor?

Konstantin war völlig integriert in die Community des Treffens. Ihm wurde ebensolche Wertschätzung entgegen gebracht wie mir selbst - mindestens! Ok, er war im Begriff ein interessantes Social Business aufzubauen, das durch eine tragische Erfahrung initiiert war. Aber rechtfertigte das ein solches Auftreten? Was triggerte bei mir ein solch negatives Erleben? Oder anders gefragt: Welche "Allergie" (vergl. Kernquadrat) wurde bei mir getriggert, die eine solche Abneigung erzeugte? Immerhin mied Konstantin meinen Kontakt ebenso wie ich seinen, obwohl sich unsere Wege bald auch auf anderen Veranstaltungen kreuzten.


Er und ich

Als ich im Sommer zu einem Treffen kam, hatten sich vor der Tür Raucher zu einer Zigarette versammelt. Unter den Personen eine von mir geschätzte Freundin. Sie habe sich schon auf einen Austausch mit mir gefreut, sagte sie mir, und auf Konstantin. Ich war kurz angezählt. Sie hatte ihn und mich in auf diese Weise in einem Satz vereint. Nach unserem kurzen Plausch ging ich nach drinnen. Ich hatte schon erfahren, dass Konstantin auch dort war. Eine fatalistische Energie ließ mich den Kontakt zu ihm suchen. Drinnen waren nur zwei Personen: Konstantin und ein Mitarbeiter des ausrichtenden Unternehmens im gemeinsamen Gespräch. Ich begrüßte beide gleichermaßen und fand eine freundliche Bemerkung zu Konstantins neuem Bart. Und schon waren wir zu dritt in einem oberflächlichen aber netten Gespräch.





People is medicine for people






Kontext bestimmt Content

Im Mittelpunkt der Veranstaltung sollte die Vorstellung einer Kunst-Intervention als Methode für Agile-Coaches stehen. Die Teilnehmenden hatten im Kreis platzgenommen. Konstantin saß mir mehr oder weniger diametral gegenüber. Aufgabe war für die Teilnehmer war es, in einem an die Wand projizierte Kunstwerk diejenige dargestellte Person auszuwählen, mit der er oder sie sich am besten identifizieren konnte. Wer mochte, konnte die eigene Wahl erläutern. Als erstes meldete sich Konstantin zu Wort, was mich ebenso wenig überraschte, wie seine Wahl: Die Hauptperson in der Mitte des Bildes, um die sich alle anderen Personen scharten. Doch dann kam seine Erläuterung. Kindheit, Jugend, Hobbys, Wehrdienst, beruflicher Werdegang - mit wenigen zusätzlichen Informationen zu seiner Herkunft machte auf einmal vieles Sinn, wurde aus seiner Perspektive nachvollziehbar. Das war es, was mir gefehlt hatte, um mein Erleben in Bezug auf ihn in einen völlig anderen Kontext zu rücken.


Grundsatz: Zugewandtheit

In mir kamen Verständnis und Mitgefühl auf und auch etwas Bedauern, Konstantin gegenüber bislang eine so ablehnende Haltung gepflegt zu haben. Um mich unmissverständlich auszudrücken: Ich stellte keineswegs fest, mich in meiner Wahrnehmung getäuscht zu haben. Doch mit einigen zusätzlichen Informationen konnte ich Konstantins Motivationen für sein Handeln anders deuten und mich in meinem Wahrnehmen entspannen. Ja, mit einem positiven Gefühl für Menschen, die wir als schwierig empfinden, gewinnen wir Lebensqualität für uns selbst. In der buddhistisch inspirierten Achtsamkeitspraxis kennen wir die Begriffe Metta (Pali) bzw. Maitri (Sanskrit), als "liebende Güte" ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzung ins Englische, "Loving Kindness", finde ich noch passender. Wenn wir nicht nur unseren Liebsten und Freunden gegenüber eine grundsätzliche Zugewandtheit praktizieren, sondern auch Unbekannten und potenziell schwierigen Menschen gegenüber Wohlwollen kultivieren, schenken wir uns selbst, anderen und unserer Mitwelt positiver Energie. "People is medicine for people".

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