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  • Christian Olbrich

Goodbye, FOMO


Vieles läuft in unserem Alltag nebenbei, ohne dass wir uns den Dingen wirklich widmen. Zugunsten von mehr Breite geht die Tiefe verloren. Ab und an präsentiert uns das Leben, was an uns vorbeiging. Meist, wenn es zu spät ist. Mehr Bewusstheit, wäre das nicht machbar?


Humorvoll besinnlich

Im Liederheft, das zum Heiligabend-Gottesdienst am Eingang der Kirche ausgegeben wurde, fand ich beim Durchblättern einen kurzen Text von Hanns Dieter Hüsch. Zumindest Menschen meiner Generation war er als praktizierender Humorist durchaus bekannt. Bekannt für amüsante Konstellationen mit Hintergrund und Relevanz für den Alltag. Notiert habe ich mir im Smartphone aus der letzten Zeile des Textes den Gedanken: "Alle sind wir immer nur auf der Durchreise."

Knapp acht Milliarden Bedeutungsloser

Auf was lassen wir uns noch voll und ganz ein? Für unsere Bedeutung in der Weltgeschichte mögen wir Durchreisende sein. Jeder einzelne unbedeutend für das große Ganze, ebenso wie knapp acht Milliarden andere Menschen auf dieser Erde. Verstehen wir uns als Weggefährten, Familienmitglieder, Nachbarn oder Kollegen verändert sich das Bild. Sind wir dann nicht doch von erheblicher Bedeutung? Wir sind einander Begleiter, Helfer, Lehrer, Beschützer, Gesellschaft und Mitwelt. Was ist uns das wert? Wie viel Präsenz und Verbindlichkeit können und wollen wir Durchreisende dafür im Alltag aufbringen?

FOMO, bloß nichts verpassen!

Betrachten wir unser Leben, sind da wohl immer weniger Dinge, denen wir uns voll und ganz widmen. Wir übernehmen Aufgaben und fordern Verantwortung, suchen Herausforderungen, die unserer Reputation nützen und unsere Karrierechancen verbessern. Dazu kommen vielfältige potenzielle Chancen: Apps, Foren, Netzwerkveranstaltungen, Webinare, Podcasts und ähnliches, die wir möglichst sinnvoll für uns nutzbar machen wollen. FOMO, macht sich breit, the Fear Of Missing Out. Bloß nichts Verpassen! So viel mitnehmen wie möglich, Multitasking in Perfektion. Wie viel von den Inhalten kommt tatsächlich bei uns an?

Verbindlichkeit, die schwindende Tugend

Bei mir selbst bemerke ich, wie sich eine Untugend breitmacht. Meine Verbindlichkeit, kostenlose Netzwerkveranstaltungen, Meet-ups und Webinare betreffend, lässt erkennbar nach. Sofort anmelden, solange Plätze verfügbar sind, selbst für mehrere Events, die eigentlich zeitgleich stattfinden. Die Entscheidung für den einen oder anderen kann kurzfristig fallen, auch die Entscheidung, ob ich an diesem Tag überhaupt Lust habe, auszugehen. Erwartet mich denn niemand?

"Die meisten Menschen bleiben nicht stehen, wenn sie nachdenken wollen. Sie denken im Gehen. Aber manchmal ist es eine ganz gute Idee, einfach kurz innezuhalten, damit man nicht in die Irre läuft."

Terry Pratchett "Das Mitternachtskleid", Goldmann, 2010


Meine Verabredung mit dem Leben

Im letzten Quartal des Jahres 2019 habe ich so etwas wie eine Netzwerkmüdigkeit verspürt. Einzelne interessante Veranstaltungen habe ich bewusst ausgelassen, ein mir wichtiges Event einige Tage vor Weihnachten schlicht vergessen. Zwar mehrmals aufgeschoben aber nicht vergessen habe ich dagegen zu Weihnachten den Anruf einer älteren alleinstehenden Dame in Berlin, einer Cousine meiner verstorbenen Mutter, zu der ich telefonisch Kontakt halte. Ein Rest Moral war am Ende des Jahres offensichtlich noch in mir. Im neuen Jahr möchte ich wieder bewusster handeln. Ich möchte für die Menschen da sein, für deren Gesellschaft ich mich entscheide. Ich möchte mir ihre Geschichten anhören, erfahren, was sie erleben, was sie bewegt, was sie vielleicht gerade durchmachen. Ich möchte mich bewusst für Veranstaltungen entscheiden, von denen ich mir etwas verspreche: Austausch, Information, Unterhaltung, Netzwerken... Den Anfang macht ein Schnupperabend Impro-Theater, für den ich 20 Euro überwiesen und schon damit ein wenig Verbindlichkeit geschaffen habe. "Unsere Verabredung mit dem Leben findet immer im gegenwärtigen Augenblick statt. Und der Treffpunkt unserer Verabredung ist genau da, wo wir uns gerade befinden." (Thich Nhat Hanh)


Kein Vorsatz nur fürs neue Jahr

Hanns Dieter Hüsch bin ich dankbar für den Impuls, viel zu oft Durchreisender zu sein. Zwar ist jeder Einzelne von begrenzter Bedeutung für diese Welt, doch sind wir wesentlich für unsere Familien, Freunde, unsere Gesellschaft und Mitwelt. Gerne würde ich meine Anteile des rastlosen Umherstreifens, des Jagens und Sammelns reduzieren. Dann könnte ich mich einer geringeren Anzahl von Inhalten mit mehr Bewusstheit widmen. Mit dieser Motivation möchte ich bewusster das tun, was ich tue: Bewusst sprechen, wenn ich spreche, bewusst zuhören, wenn ich zuhöre, bewusst nachdenken, wenn ich nachdenke und bewusst handeln, wenn ich handele. Wenn ich hieraus mehr Klarheit für meinen Alltag erlange, werde ich bestimmt auch ganz und gar bei den Netzwerkveranstaltungen sein, für die ich mich bewusst entscheide.

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